Augen zu und durch – „Milkman“ von Anna Burns

Milkman ist überhaupt kein Milchmann. Noch nie hat ihn jemand im Viertel Milch verkaufen sehen und warum er so heißt, weiß niemand mehr. Unbestritten aber ist seine Rolle: er ist einer der wichtigsten Paramilitärs der Stadt, seine Augen und Ohren sind überall. Kein Wunder, dass der namenlosen Erzählerin des Romans Angst und Bange wird, als er plötzlich auf sie aufmerksam wird. Aufmerksamkeit ist das letzte, was sie in ihrem Leben brauchen kann.

Die Erzählerin wächst auf in einer nordirischen Stadt, inmitten des Nordirlandkonflikts. Beinahe alle außerhalb ihres streng katholischen Viertels sind Feinde. Diejenigen, die auf der falschen Seite der Straße leben, in der falschen Hälfte der Stadt und erst recht diejenigen, die jenseits der Grenze leben und sich weigern, Nordirland freizugeben. In jeder Familie gibt es mindestens einen Mann, einen Sohn oder einen Bruder, der bei Kämpfen getötet wurde. In manchen sind es fast alle. Nicht-politische Handlungen und Aussagen gibt es nicht in diesem Klima. Namen sind politisch, Autos sind politisch, Beziehungen sind politisch, Bücher sind politisch, Religion ist politisch. Politik ist alles, was zählt.

„So the Hollywood phenomenon of sexual prowling would have been overshadowed, as everything here was overshawdowed, by the main topic of conversation in this place.“

S. 183

Mit ihrem unguten Gefühl gegenüber Milkman ist die Erzählerin völlig allein. Er macht ja nichts. Sexualstraftaten werden von den de facto regierenden Paramilitärs des Viertels streng geahndet, aber was soll man Milkman denn vorwerfen? Er hält die Erzählerin auf dem Heimweg auf und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Er läuft auf einmal neben ihr, als sie im Park joggt. Er lauert ihr nach dem Französisch-Unterricht auf und bietet ihr wieder an, sie nach Hause zu fahren. Er lässt fallen, wie schade es wäre, würde ihr Freund von einer Autobombe getötet. Das alles verunsichert sie zutiefst, ist ja aber keine Straftat. Zur Ablenkung steckt sie weiter ihre Nase in Bücher, die spätestens im 19. Jahrhundert spielen, weil sie das 20. furchtbar findet und versucht, alles um sie herum auszublenden so gut es eben geht. Selbst auf dem Heimweg nimmt sie die Augen nicht von den Seiten und lenkt sich so von der Zerstörung und Gewalt um sie herum ab. In ihrer Nachbarschaft gilt sie schon deshalb als seltsam. Milkmans Avancen erregen noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit. Als zukünftige Geliebte eines wichtigen Paramilitärs, denn das gilt als ausgemacht, zieht sie jetzt schon Missgunst und Neid auf sich. Für die Erzählerin gilt das keinesfalls als ausgemacht, sie möchte viel lieber mit ihrem Vielleicht-Freund zusammenziehen. Aber bald muss sie sich eingestehen, dass sie eigentlich überhaupt keine Wahl hat.

Die Atmosphäre in Milkman ist durchgehend finster und bedrückend. Gewalt gehört zum Alltag, auf den Straßen, auf den Schulhöfen und in der Familie. Die Straßen des Viertels sind gezeichnet von Jahren des Kampfes, der katholische Friedhof ist übervoll mit seinen Opfern. Unter dem Radar bleiben ist alles, was hilft. Die Erzählerin bewegt sich so unauffällig wie möglich durch dieses feindselige Leben. Selbst beim Erzählen ihrer Geschichte versucht sie, möglichst vage und unspezifisch zu bleiben. Im ganzen Roman gibt es keinen einzigen Namen, alle Personen werden benannt nach ihren Funktionen. Die ältere Schwester, der zweite Schwager, die Lehrerin, die jüngeren Schwestern. Von letzterem hat sie einige – die Mutter der Erzählerin hat nicht weniger als zehn Kinder zur Welt gebracht. Öffnen kann sie sich keiner von ihnen. Jedes Gespräch mit ihrer Mutter führt erst zu der Frage, warum sie mit 19 noch nicht verheiratet ist, warum sie nicht diesen oder jenen Jungen aus der Nachbarschaft heiratet, und endet dann im Streit.

Erzählt wird in einer Art Stream of Conciousness, in manchmal mäandernden Gedankenketten und mitunter vagen Andeutungen. Das nimmt einen zwar mit auf die angsterfüllten Wege der Erzählerin durch ein zerstörtes Viertel, durch eine zerstörte Gesellschaft, lässt aber auch vieles im Dunkeln. Wie auch bei No Bones, Burns erstem Roman über eine Kindheit im Nordirlandkonflikt, muss man sich weitestgehend allein zurechtfinden in der vertrackten Lage, die das Land über Jahrzehnte dominierte. Wissen über den Nordirlandkonflikt zumindest auf wikipedia-Niveau wird hier schon vorausgesetzt. Bei aller Finsternis und allem Trauma verliert die Erzählerin von Milkman allerdings nicht ihren Humor. Mit aufmerksamem und mitunter ironischem Blick beobachtet und entlarvt sie ihr Umfeld, in dem sie bei aller Gewalt auch viel Liebenswertes und Skurriles findet. Ihr Ton ist dabei lakonisch, ohne abgebrüht wirken zu wollen. Die Brutalität um sie herum ist so sehr zum Grundrauschen geworden, dass die Erzählerin sie kaum noch wahrnimmt. Milkman ist stilistisch so spannend wie herausfordernd und macht es nicht immer leicht, am Ball zu bleiben. Man muss sich einlassen auf die Welt und die Gedanken in einer Erzählerin, die allerdings in einer Welt lebt, in der man gar nicht sein möchte. Das Wagnis aber lohnt sich, denn der Roman hat dafür auch einiges zu bieten: eine sehr sympathische Protagonistin, die einem eine sehr persönliche und interessante Perspektive erlaubt und einen Stil, der sich der Brutalität verweigert und durch seine Offenheit beeindruckt.  


tl;dr: Milkman ist ein lesenwerter Roman über den Nordirlandkonflikt, der mit einem ganz eigenen Stil fordert und überzeugt.


Anna Burns: Milkman. Faber and Faber 2018. 368 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Anna-Nina Kroll ist unter dem Titel Milchmann 2020 bei Klett-Cotta erschienen.

2019 war Burns mit diesem Roman auf der Shorlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

5 Gedanken zu “Augen zu und durch – „Milkman“ von Anna Burns

  1. letteratura 23. März 2021 / 11:18

    Den Roman habe ich immer noch in sehr guter Erinnerung. Er war schon ein wenig herausfordernd, aber die Lektüre hat sich sehr gelohnt und auch im Nachhinein habe ich noch das Gefühl, da etwas Besonderes gelesen zu haben. Manche Bücher verschwinden oder verschwimmen ja schnell in der Erinnerung, hier ist das bei mir gar nicht so. Viele Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    • Marion 23. März 2021 / 12:01

      Das stimmt! Auch „No Bones“ ist mir noch in Erinnerung, wenn auch etwas verschwommen. Das liegt aber auch an diesem sehr sprunghaften und besonderem Erzählstil, was ich allerdings als gar nicht negativ empfinde.

      Gefällt 1 Person

      • letteratura 23. März 2021 / 12:02

        Ich auch nicht 🙂 No Bones kenne ich nicht. Muss ich mir mal merken.

        Gefällt 1 Person

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