Auf die Füße kommen – „Hawaii“ von Cihan Acar

Hawaii ist in Cihan Acars Debütroman kein Urlaubsparadies, sondern eine Siedlung am Rande Heilbronns, die lange als Problemviertel galt und noch immer alles andere als eine bevorzugte Wohngegend ist. Es sind vor allem Migrant*innen und ihre Familien, viele türkischer Herkunft, die hier leben und ihre Cafés, Läden und Spielhallen betreiben. Auch Kemal ist hier aufgewachsen, konnte den tristen Wohnblocks aber dank seines Sporttalents entkommen. Noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag ist er in der Türkei zum hochbezahlten Fußball-Star aufgestiegen, Promi-Status und dicker Porsche inklusive. Doch ein Unfall hat seiner Karriere ein plötzliches Ende gesetzt. Nun ist Kemal wieder in Heilbronn, lebt im Haus eines Onkels und trauert seiner Jugendliebe Sina hinterher, die er leichtfertig in den Wind geschossen hat, als die Welt ihm noch zu Füßen lag.

Hawaii folgt dem Orientierungslosen drei Tage und Nächte lang durch die Stadt. Kemal besucht seine Eltern in Hawaii, trifft alte Freunde zum Poker und verliert sein letztes Geld bei einer angeblich todsicheren Sportwette. Die ganze Zeit bleibt er so rat- wie rastlos. Ohne Ausbildung weiß er nichts mit sich anzufangen, seine Ex-Freundin ist inzwischen neu verliebt und das Girokonto bewegt sich immer weiter ins Minus. Um ihn herum radikalisiert sich derweil seine Heimatstadt. In den drückend heißen Tagen des Sommers stehen sich die rechtsgerichtete HWA (Heilbronn wach auf) und die Mitglieder der vor allem türkischstämmigen Kankas gegenüber. Kemal interessiert sich für keine der beiden Gruppierungen besonders, schließlich hat er genug mit sich selber zu tun. Aber auch er kann nicht umhin zu bemerken, wie um ihn herum immer mehr Shirts und Kutten der einen oder anderen Gruppierung im Stadtbild zu sehen sind. Der Konflikt entlädt sich schließlich in einer brutalen Straßenschlacht.

„Es war Zeit, wieder hinabzusteigen zum Rest der Stadt, zum Dampf und Rauch, zum Lärm und Geschrei. Dorthin, wo es nach Suppe roch und wo ich hingehörte, ob ich wollte oder nicht.“

Acar gelingt es, aktuelle politische Themen überzeugend mit dem Alltag seines Protagonisten zu verknüpfen. Eine erstarkende rechte Bewegung ist nicht nur durch „Heilbronn wach auf“ vertreten, auch die Ermordung Michèle Kiesewetters auf der Heilbronner Theresienwiese durch den NSU wird thematisiert. Ebenso thematisiert Acar das Leben migrantischer Familien am Rande der Stadt, wo sie vor allem auf sich und ihre eigenen Strukturen gestellt sind. Auch wenn einige seiner Freunde mit deutlich dialektalem Einschlag sprechen – ein echter Heilbronner kann man in Hawaii nicht werden.

Stilistisch ist der Roman sehr knapp gehalten. Kemal berichtet aus der Ich-Perspektive und in kurzen, prägnanten Sätzen, versetzt mit vielen Dialogen. Auch Umgangssprache, Schimpfwörter und vereinzelte türkische Begriffe finden ihren Weg in Acars Text. Das Ergebnis ist eine unmittelbare, teilweise fast atemlose, authentisch wirkende Erzählstimme. Man nimmt Kemal seine Geschichte ab und er versteht es, die Lesenden zu fesseln, auch wenn man vielleicht erst nicht viel Interessantes finden kann an der Geschichte eines gescheiterten Fußballers, der durch eine der angeblich hässlichsten Städte Deutschlands läuft. So orientierungs- und ahnungslos Kemal auch ist, läuft man doch gerne mit, nach Hawaii, in die Spielhalle und in den Club, wo er nochmal sein Glück bei Sina versuchen will. Bisher hat Acar über Fußball und HipHop geschrieben. Mit Hawaii beweist er nun, dass er auch belletristisch einiges zu bieten hat.


tl;dr: Nur wenige Tage folgt Hawaii dem gescheiterten Fußball Kemal, der durch Heilbronn mäandernd eine Möglichkeit sucht, wieder Fuß zu fassen. Trotz der schmalen Ausgangslage ein gelungenes Debüt mit ganz eigener Erzählstimme.


Cihan Acar: Hawaii. Hanser Berlin 2020. 256 Seiten. Gelsen in der eBook-Ausgabe mit 272 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 167.

Acar steht mit diesem Roman auf der Shortlist für den Blogger*innen-Preis Das Debüt 2020.

9 Gedanken zu “Auf die Füße kommen – „Hawaii“ von Cihan Acar

    • Marion 29. Dezember 2020 / 17:25

      Manchmal ist das eben so. Woran bist du gescheitert? Eher Stil oder Handlung?
      Ich fand ja die Dialoge mit seinem Auto ausgesprochen befremdlich.

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      • Xeniana 29. Dezember 2020 / 17:51

        Ich hab es mir im ersten Lockdown gekauft. Im zweiten habe ich es ein zweites Mal versucht zu lesen. Ich glaube es ist die Handlung, die mich nicht mitnimmt.

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        • Marion 29. Dezember 2020 / 17:52

          Ich glaube, da bist du nicht die einzige 🙂 Ich „musste“ es ja für Das Debüt lesen, hätte es mir aber allein aufgrund des Klappentextes nie gekauft.

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