Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

Die Handlung von Paradise beginnt mit einer Gewalttat, einem Angriff auf ein Kloster. Es sind Männer aus dem nahen Dorf Ruby, die das Frauen-Refugium attackieren, bewaffnet mit Seilen und Gewehren.

Das Kloster hat den Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, wird aber immer noch von allen so genannt. Es ist lange her, dass es einem Orden gehörte und Nonnen dort lebten. Nun ist es eine Unterkunft für Frauen, die sonst keinen Ort finden, an dem sie leben können oder wollen. Mavis, deren Kinder in einem überhitzten Auto starben, Gigi, die ziellos und selbstbewusst durch die Staaten tingelt, Seneca, deren Mutter abgehauen ist und die in verschiedenen Pflegefamilien aufwuchs. Die Berührungspunkte mit dem Dorf sind gering und beschränken sich im wesentlichen auf den Verkauf von Produkten aus dem Gemüseanbau der Frauen. Doch wo die Frauen auftauchen sorgen sie für Unmut. Zu knapp ist ihre Kleidung, zu laut ihr Lachen, zu unverheiratet ihr Familienstand.

„Not women locked safely away from men; but worse, women who chose themselves for company, which is to say not a convent but a coven.“

Im nahen Ruby machen sie sich damit viele Feinde. Am meisten gefürchtet werden sie von den Männern, die mal Beziehungen zu einer der Frauen hatten und nun die Störung ihres Familienlebens fürchten. Ruby ist ein „black settlement“, gegründet von neun Familien, die den Ort aufbauten, nachdem sie aufgrund ihrer Hautfarbe an anderen Orten nicht geduldet und vertrieben wurden. Ruby kann nur funktionieren, wenn sich alle Familien an die ungeschriebenen Gesetze des Ortes halten und den Zusammenhalt hoch halten. Das wichtigste Gesetz in Ruby ist, sich keinen Ärger mit den weißen Gesetzen einzuhandeln. Das zweitwichtigste Gesetz ist Gottesfürchtigkeit. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, fernab der großen Straßen und Busverbindungen, in der Fremde mit Argwohn betrachtet werden.

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Der erste Satz in Paradise lautet „They shoot the white girl first“. Damit ist Hautfarbe schon als zentrales Thema des Romans gesetzt. Außerdem führt es dazu, dass man bei jeder der fünf Frauen, die nach und nach in dem Roman eingeführt werden, rätselt, ob sie das white girl sein könnte, das erste Opfer des Überfalls auf das Kloster. Morrison erwähnt es mit keiner Silbe. Nie erfährt man, wie die Frauen im Kloster aussehen, wie hell ihre Haut ist, wie dunkel ihre Haare. Man kann nur versuchen, die Hinweise im sozialen Verhalten zu finden, in den Reaktionen des Umfelds, in den Geschichten, die die Mädchen erzählen. Ebenso verhält es sich mit vielen anderen Charakteren im Buch. Obwohl die Hautfarbe eine ganz zentrale Rolle im Roman spielt, wird sie kaum erwähnt. Bei den Einwohner*innen von Ruby ist es sowieso klar: sie haben eine eigene Ideologie aufgebaut auf der Tatsache, dass sie so Schwarz sind, dass sogar andere black settlements sie nicht akzeptieren.

Paradise ist ein rauer, fordernder, dichter Roman. Es geht nicht so brutal weiter, wie man es nach dem blutigen Einstieg annehmen könnte. Morrisons Schreibweise aber erfordert den ganzen Roman über erhöhte Aufmerksamkeit. Vieles wird nur angedeutet, gerade was die Geschichten der Frauen im Kloster angeht. Grausamkeiten und Missbrauch spielen sich oft zwischen den Zeilen ab, die größten Ereignisse und Schicksalsschläge stecken in einem Halbsatz. Die Nuancen und Zwischentöne muss man wahrnehmen und behalten, damit man überhaupt eine Chance hat, am Ende alles zusammenzusetzen. Im Schnitt habe ich beim Lesen alle fünf Seiten ein Post-It verklebt, auf einigen Seiten gleich drei, um mir die Navigation im Roman ein bisschen zu erleichtern.

Auch wenn es fordernd ist – das Lesen von Paradise lohnt sich in jedem Fall. Patriarchale Strukturen, Rassismus und Misogynie bilden den Hintergrund für diesen düsteren  und beklemmenden Roman, dessen bedrückende Atmosphäre sich von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Ein bisschen magischer Realismus zieht sich durch die Seiten, der die mysteriöse Stimmung unterstreicht. An einigen Stellen fand ich die Sprache vielleicht ein kleines bisschen zu sehr bildlich aufgeladen, das ändert aber nichts daran, dass ich Paradise uneingeschränkt empfehlen kann.


Toni Morrison: Paradise. Vintage 2014. 318 Seiten. Erstausgabe Alfred A. Knopf 1997. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Piltz ist unter dem Titel Paradies bei Rowohlt lieferbar.

Das Zitat stammt von S. 276.

1999 war das Buch für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

6 Gedanken zu “Gefallene Frauen und unversöhnliche Männer – „Paradise“ von Toni Morrison

  1. Mikka Liest 22. März 2020 / 14:05

    Hallo,

    das ist eines der Bücher, die bei mir noch auf der Wunschliste stehen! Bisher habe ich leider recht wenig von der Autorin gelesen, und das ist meist lange her… Aber hier liegen schon ein paar ihrer Bücher, die ich aus dem öffentlichen Bücherschrank gezogen habe. Dieses hier war bisher nicht dabei, aber ich kann es mir ja auch mal aus der Bibliothek ausleihen.

    LG,
    Mikka

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    • Marion 22. März 2020 / 18:44

      Ich habe bisher auch sehr, sehr wenig von ihr gelesen. Beloved steht hier noch, bisher bin ich aber noch nicht dazu gekommen. Ich freue mich aber sehr darauf.

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  2. Wissenstagebuch 22. März 2020 / 18:37

    „Vieles wird nur angedeutet, gerade was die Geschichten der Frauen im Kloster angeht. Grausamkeiten und Missbrauch spielen sich oft zwischen den Zeilen ab, die größten Ereignisse und Schicksalsschläge stecken in einem Halbsatz. Die Nuancen und Zwischentöne muss man wahrnehmen und behalten, damit man überhaupt eine Chance hat, am Ende alles zusammenzusetzen.“

    Das klingt großartig. In der letzten Zeit haben sich bei mir zu viele, zu eindeutige Bücher eingeschlichen. Da blieb kein Raum mehr für Andeutungen. Ich habe letztens zufällig „Liebe“ von Morrison im Second-Hand-Bookshop gesehen und mitgenommen, weil ich die Autorin – spätestens nach der Berichterstattung im Zusammenhang mit ihrem Tode – unbedingt kennen lernen wollte. „Paradise“ steht auf jeden Fall auch noch auf der Liste.

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    • Marion 22. März 2020 / 18:43

      Es ist auch wirklich großartig, wenn auch fordernd. Ich habe Unmengen Post-Its verklebt, damit ich nicht völlig den Überblick verliere. Aber es lohnt sich!

      Gefällt 1 Person

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