Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

Arlington Park ist eine Vorstadtsiedlung, die ausnahmsweise nicht im US-amerikanischen Suburbia liegt, sondern im Dunstkreis von London. Hier reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere, die Männer arbeiten viel, die Kinder besuchen gute Schulen und die Frauen schmeißen den Haushalt. Der gesamte Roman spielt an nur einem einzigen regnerischen Tag und fokussiert sich dabei auf fünf Frauen, die unterschiedlich zufrieden sind mit dem Leben in der Vorstadt-Idylle.

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Es beginnt mit Juliet, die an diesem einen Tag, den der Roman ihr gibt, noch sauer ist auf den Vorabend, an dem ein Mann sie mal wieder nicht ernst genommen hat und sie sich nicht richtig gewehrt hat. Juliet ist im Grunde kreuzunglücklich in Arlington Park, wo sie mit ihrem Doktortitel an einer Schule unterrichtet, die sie einst mit großen Plänen verließ. Nun darf sie an einem Freitag im Monat den Literaturclub leiten und ihr Mann muss ausnahmsweise die Kinder von der Schule abholen. Eine logistische Meisterleitung, vor allem für Juliet. Sie ist sich sicher: Männer bringen Frauen in der Ehe um, Stück für Stück, Tag für Tag sterben die Frauen ein kleines bisschen mehr.

Juliet findet keinen Zugang zu den anderen Frauen in Arlington Park, deren ewiger Kampf um Statuserhalt sie ermüdet und anwidert. Maisie, Stephanie und Christine nutzen derweil den Tag für einen Ausflug ins Einkaufscenter. Der nimmt eine recht prominente Rolle im Roman ein und zeigt an diesen drei Frauen genau das, was Juliet schon scharfzüngig vermutet hatte: die Vorstadt ist vor allem ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Klassenerhalt ist alles, was als fremd wahrgenommen wird ist entweder schick oder eine Bedrohung. Meistens ist es letzteres. Besonders Christine ist mit ihrer Abneigung gegenüber allem, was fremd erscheint, das Paradebeispiel der engstirnigen Mittelschicht. So unterschiedlich die Frauen aber auch sind, sie alle sind mit ihrer Situation unzufrieden. Fast jede von ihnen hat im Laufe des Tages Streit mit ihrem Mann, fast immer geht es darum, wer wem zu wenig Unterstützung bietet.

„She didn’t want to be knocking up bloody dinner for eight and then serving it. She didn’t want to be passing the butter, and clearing away the starters. She wanted to be living – living!“

Cusks Schreibstil ist bitterböse, aber auch humorvoll und smart. Die Unzufriedenheit, die sie schildert ist allgegenwärtig, die Atmosphäre des regnerischen, ungemütlichen Tages kratzt an den Nerven. Sicher ist die Charakterisierung der Frauen und besonders ihre Unzufriedenheit manchmal überhöht und grenzt mitunter fast an eine Karikatur. Die Männer bleiben derweil austauschbare Schatten, deren wahre Leben nicht in Arlington Park stattfinden, sondern in den Städten, in denen sie arbeiten, in London und Reading. Arlington Park ist ein Bericht aus der Vorstadthölle, aus dem Leben von Frauen, denen eigentlich nichts fehlt und die auf den ersten Blick zufrieden sein müssten. Das aber können sie nicht sein im Londoner Speckgürtel, dem sie nicht entrinnen können und der so begrenzt und eng ist, wie sie sich ihr Leben niemals vorgestellt hatten. Der Roman ist dabei ernster und tiefergehend, als die humorvolle Schilderung es zuerst vermuten lässt. Cusk zeigt Verständnis für die vertrackte Situation der Frauen, rechnet aber auch mit der Borniertheit dieser Gesellschaft ab und liefert mit Arlington Park ein pointiertes Porträt der Vorstadt.


Rachel Cusk: Arlington Park. Faber and Faber 2007. 240 Seiten. Erstausgabe ebd. 2006. Weiterhin beim gleichen Verlag lieferbar. Eine deutsche Übersetzung von Sabine Hedinger ist ebenfalls unter dem Titel Arlington Park bei Rowohlt erschienen, aber nur noch antiquarisch zu kriegen.

Das Zitat stammt von S. 232.

2007 war Rachel Cusk mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

2 Gedanken zu “Die Verzweiflung der Vorstadt – „Arlington Park“ von Rachel Cusk

  1. gerlintpetrazamonesh 23. Februar 2020 / 18:25

    Ein klassisches Thema und anscheinend ja interessant umgesetzt. Traditionelle Ehen in der JEtztzeit der westlichen Gesellschaften. Früher, in der glaubt man Marx unentfremdeten Zeit saßen die Männer zu Hause, flickten Schuhe oder bestellten den Acker oder was immer ihr Job war und konnten ihre Frau jederzeit prügeln, die Magd schwängern, den Lehrbuben… ach, was weiß denn ich. Während in den großen Häusern der Handelsherren tatsächlich die Frau zu Hause blieb und alles verwaltete während er große Unternehmungen in großer Entfernung tätigte und sehr ungehalten war, wenn die Hauswahrerin ihren Job nicht richtig erledigt hatte. Anders herum, es waren Schicksalsgemeinschaften, die Familie war alles, Halt und Absicherung, wer herausfiel war so gut wie verloren. Das ist – Gott sei Danke einerseits – anders geworden und die 5 fragen sich jetzt natürlich, warum sie auf diesen Typen warten, statt einen Vollzeitjob zu suchen oder meinethalber auch von Unterhalt und Sozialhilfe zu leben. Wozu denn bloß, wenn es nicht so üblich wäre und eventuell noch wegen der Kinder?
    Ich frage mich, ob das Buch eine Antwort liefert.

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    • Marion 23. Februar 2020 / 19:12

      Tja, die Antwort hat auch Cusk nicht. Auch bei ihr gibt es in der Vorstadt nur Langeweile und verzweifelten Statuskampf, weil man nichts anderes hat (oder sich nichts anderes sucht) worum man kämpfen könnte. Und selbst die eine mit Job übt ihn nur als sehr, sehr müden Kompromiss aus, weil es für eine Frau mit Promotion in Arlington halt auch nichts anderes gibt.

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