Einsam in der Arbeitsmigration – „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann

Waclaw, oft genannt Wenzel, ist ein moderner Wanderarbeiter. Er arbeitet für eine Firma, die Ölbohrungen durchführt, war mal in Mexiko, ist jetzt vor der Küste Marokkos. Die Bezahlung ist gut, die Entbehrungen hart und die Gefahr groß. Als Waclaws Kollege und Freund Mátyás nach einem Sturm nicht mehr in die gemeinsame Kabine zurückkehrt, bricht seine Welt zusammen.

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Er verlässt die Plattform ohne zu wissen, wo er hin soll. Seine Ehe ist schon vor Jahren zerbrochen, Freunde an Land gibt es keine mehr. Also macht er sich auf den Weg in das ungarische Dorf, aus dem Mátyás kam und in dem seine Schwester noch lebt. Seine Reise wird zu einer ziel- und haltlosen Odyssee durch Europa, während er versucht, den schmerzhaften Verlust zu verarbeiten. Dass Mátyás und er weit mehr waren als Freunde und Kollegen, wird recht schnell deutlich, wenn auch nie ausgesprochen.

Aus Waclaws Betrachtungen und Erinnerungen setzt sich langsam seine Biographie zusammen, angefangen bei der Kindheit als Sohn eines polnischen Arbeiters in einem Bergwerk im Ruhrpott, über seine Hochzeit und die Zeit auf der Ölbohrinsel. Die Insel ist so lang wie der Abstand zwischen drei Straßenlaternen, das ist die Welt, in der Waclaw zurechtkommen muss. Er wäre lieber zu Hause geblieben bei seiner Frau Milena, aber auch mit zwei Jobs kamen die beiden nicht über die Runden. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom persönlichen Verlust eines Freundes, sondern auch vom Drama der Arbeitsmigration.

„Er sagte, dass die Leute nicht ohne Grund dort hinausfuhren, dass es alte Wünsche und Vorstellungen seien, von denen sie hofften, dass sie sich dort draußen erfüllten.“

Die Autorin Anja Kampmann, deren Debüt-Roman Wie hoch die Wasser steigen ist, ist auch Lyrikerin und das merkt man ihrem Roman auf jeder Seite deutlich an. Kaum ein Absatz ist ohne sprachliches Bild – so viel zartfühlige Beobachtungen hätte man dem harten Arbeiter Waclaw gar nicht zugetraut. Doch auch in ihm steckt offenbar ein Poet und in beinahe allem, was ihm begegnet sieht er ein anderes Bild, eine Erinnerung. Die Wellen sind wie große Tiere, die Vorhänge im Hotel wie der Schleier einer Braut, der vor der Welt da draußen hängt und die Jahre werden davongerissen wie Ton von einer Töpferscheibe. So passend das in einigen Situationen ist, so wird das andauernde Zeigen und Heraufbeschwören von Bildern im Laufe des Romans doch irgendwann anstrengend. Manchmal wünscht man sich, die Lastwagen würden einfach über Straße donnern, ohne „wie“ und „als seien sie“ und „schienen“, sie mögen bitte einfach Fernlastverkehr sein.

Zwischen all den Bildern und Vergleichen gelingt es Kampmann, eine Geschichte zu erzählen, die oft rührend und beinahe tragisch ist: Waclaw, der durch Europa stromert, ohne irgendeinen Halt abseits seiner Arbeitsidentität behalten zu haben. Durch die sehr persönliche Sichtweise macht sie die Heimatlosigkeit dieses Mannes erfahrbar. Schade, dass so vieles davon in einer Bilderflut ertrinken muss.


Anja Kampann: Wie hoch die Wasser steigen. Hanser 2018. Gelesen in der eBook-Ausgabe, 274 Seiten. Lieferbar auch als Hardcover und ab März 2020 als Taschenbuch bei btb.

Das Zitat stammt von S. 146.

4 Gedanken zu “Einsam in der Arbeitsmigration – „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann

  1. fraggle 7. Januar 2020 / 13:58

    Ein ganz ähnliches Problem habe ich derzeit mit Cornelia Funkes „Das Labyrinth des Fauns“, das auf den ersten Seiten schon so vollgestopft mit sprachlichen Bildern zweifelhaften Nutzens ist, dass ich die Lektüre ziemlich schnell eingestellt habe. Allerdings wurde es mir guten Willens geschenkt, irgendwann werde ich also doch noch da durch müssen. 😉

    Aber gut zu wissen, dass ich daher Abstand vom Kampmann-Buch nehmen kann, auch wenn mich das thematisch durchaus interessieren würde.

    Gefällt 2 Personen

    • soerenheim 7. Januar 2020 / 14:46

      nee, keinesfalls. Funke ist sowieso schon recht trocken & spult immer so einen konservativ-süßlichen Märchentonfall ab. Ihre 08/15-„Bilder“ dienen im Faun zudem noch dazu, eine Handlung, die vielleicht 100 Seiten trägt, auf fast 300 zu strecken.
      Kampmann ist eine moderne Autorin, bei der jedes Bild sitzt, bei der Sprache nicht zur Streckung, sondern zur verdichtung von Inhalt/Atmosphäre/Ideen eingesetzt wird. Wegen Funke Kampmann nicht zu lesen, dass wäre wie wegen Churchill Eliot nicht mehr lesen, weil beide Literaturnobelpreisträger aus Großbritanien sind.

      Gefällt 3 Personen

      • fraggle 7. Januar 2020 / 14:52

        Vielen Dank für die Einordnung. Ich kann halt nur erfahrungsgemäß sagen, dass mir so ein bildüberladener Stil sauer aufstößt, insofern war das weniger ein Vergleich Funke/Kampmann sondern eher Ausdruck des generellen Problems, das ich mit „als wäre“, „glich einem“ und ähnlichem Zeugs habe. Na, vielleicht überlege ich es mir noch …

        Zunächst steht aber „Goldkind“ auf dem Programm. Mal schauen, ob wir diesbezüglich einer Meinung sein werden. 🙂

        Gefällt 1 Person

    • Marion 7. Januar 2020 / 16:45

      Danke für deinen Kommentar. Funke habe ich nie gelesen, dazu kann ich leider nichts sagen. Allein aufgrund ihres Genres kann ich mir aber gut vorstellen, dass ihre Texte mit Bildern überfrachtet sind.
      Bei Kampmann haben die Bilder möglicherweise eine ganz andere Qualität, ich fand sie aber wirklich übertrieben. Manchmal muss nicht verdichtet werden, wenn da einfach nichts zum Verdichten ist. Manchmal sind Szenen eben nicht atmosphärisch, so wie mitteleuropäische Fernstraßen oder Wohnsiedlungen in Westdeutschland. Da hätte es dann auch mal prosaischer sein dürfen.

      Gefällt 2 Personen

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