Mentona Moser, Menschenfreundin – „Tochter des Geldes“ von Eveline Hasler

Mentona Moser wird 1874 als Tochter des steinreichen Uhrenfabrikanten Heinrich Moser in Badenweiler geboren. Ihr Vater, deutlich älter als die Mutter, stirbt nur wenige Tage nach ihrer Geburt. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen, das den drei Frauen ein komfortables Leben in einem Schloss am Zürichsee ermöglicht. Doch das Verhältnis der beiden Schwestern Fanny und Mentona zu ihrer Mutter ist hoch problematisch und von Konflikten geprägt. Mentona hält es nicht lange zu Hause aus, besucht erst verschiedene Internate und landet schließlich in England, wo sie das Leben in den Londoner Slums kennenlernt. Entsetzt von der Armut der Kinder beginnt sie, sich in der Sozialen Arbeit zu engagieren.

„Du willst die Welt retten, aber du hast keine Ahnung, was sie kostet.“

Der Traum von einer gerechteren Welt und besseren Zukunft für Kinder wird für Mentona zur Lebensaufgabe. Als sie zurück in die Heimat kehrt, ist es ihr größter Wunsch, auch in der Schweiz Hilfseinrichtungen nach englischem Vorbild aufzubauen. Sie tritt der sozialdemokratischen Partei bei und später, als ihr die Forderungen nicht mehr ausreichen, der kommunistischen Partei. Nach der Oktoberrevolution in Russland verliebt sie sich in die Idee eines neuen Landes und in Fritz Platten, der im „neuen Russland“ den Bauern helfen will, ihre eigenen Lebensumstände durch effektiveres Wirtschaften zu verbessern. Sie lernt Russisch und folgt ihm in eine kleine Siedlung in der Nähe von Moskau, wo sie endlich die Chance hat, ihren Traum vom Kinderheim zu verwirklichen.

20190531_152423-1.jpg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Mentona Moser in der Schweiz überlebte, war sie völlig verarmt. Ihr ehemals beträchtliches Vermögen war von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden. Auf Einladung alter Freunde wurde sie in den 50er-Jahren Bürgerin der DDR, wo ihre Arbeit sehr geschätzt wurde. In der BRD und auch in der Schweiz ist ihr Namen hingegen weitgehend unbekannt. Eveline Hasler lernte den Namen erst bei einer Reise in die DDR kennen und beschloss, der Schweizerin ein schriftstellerisches Denkmal zu setzen, was sie nun umgesetzt hat.

Geschrieben hat sie allerdings keine klassische Biographie, der Verlag definiert das Buch auf dem Cover als „Roman“. Eine romanhafte Biographie? Ich fand den Spagat zwischen den beiden Genres etwas mühsam. Zum einen hatte ich mit Haslers Stil zu kämpfen, der durchgehend ziemlich blumig, stellenweise pathetisch ist. Tochter des Geldes liest sich als Geschichte einer fast weltentrückten, von ihren eigenen Wunschvorstellungen eingenommenen Frau. Ihr Handeln scheint im Roman wenig planvoll, oft fast naiv und einzig getragen durch die fixe aber vage Idee, eine bessere Welt zu schaffen. Ich möchte der Protagonistin unterstellen und wünschen, dass mehr hinter ihrem Handeln steckte. Für eine gute Biographie ist das Buch zu vage in den Schilderungen. Es wird nie angegeben, ob die geschilderten Ereignisse konkreten Quellen, etwa der Autobiographie Mosers, oder der Fantasie der Autorin entspringen. Für einen Roman aber fand ich den Stoff zu trocken aufbereitet. Es fehlen Dialoge und Schilderungen, die Ereignisse lebendig werden lassen.

Zweifelsohne ist es der Autorin ein Anliegen, das Andenken an diese vergessene Schweizer Menschenfreundin zu erhalten. Allerdings gelingt es Tochter des Geldes nicht, den Funken überspringen zu lassen, zumindest nicht bei mir. Zu vage bleiben die Beweggründe der Protagonistin an vielen Stellen, zu unklar etliche Ereignisse. Die letzten Stationen in Mosers Leben, die Emigration in die Schweiz 1934 und der spätere Umzug in die DDR, werden in den letzten Kapiteln ausgesprochen knapp und holprig erzählt. Was Moser in der DDR macht, außer ein Buch zu schreiben und 97 Jahre alt zu werden, erfährt man nicht. Immerhin umfassen diese beiden Episoden ihres Lebens noch fast 40 Jahre, von denen man aber beinahe nicht erfährt. So interessant Mentona Mosers Leben und Wirken sicher war, so unklar bleibt das Bild dieser Frau im Roman.


Eveline Hasler: Tochters des Geldes. Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas. Nagel & Kimche 2019. 287 Seiten, € 23,-.

Das Zitat stammt von S. 114.

Ein Gedanke zu “Mentona Moser, Menschenfreundin – „Tochter des Geldes“ von Eveline Hasler

Schreibe eine Antwort zu nettebuecherkiste Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.