Spread the Love – Ein Plädoyer (und eine Selbstmotivation) für mehr Bookcrossing

Heute, nur knapp vor dem Welttag des Buches, ist Bookcrossing Day, der Geburtstag dieses wunderbaren Projekts. Einige von euch werden es kennen, einige erinnern sich vielleicht auch an meine Bookcrossing-Tour durch Ostfriesland, die ich vor zwei Jahren gemacht habe. Es besteht ja aber auch die Möglichkeit, dass hier Menschen mitlesen, die Bookcrossing immer noch nicht kennen. Was ein Versäumnis wäre. Hier also nochmal eine kurze Erklärung:

Die Idee von Bookcrossing ist sehr einfach und dabei sehr gut: ich habe ein Buch zu Hause rumstehen, ich habe es gelesen und will es nicht mehr haben. Weil es blöd war, weil es okay war, ich es aber nie mehr lesen werde, weil mein Regal jetzt dann halt wirklich endgültig voll ist. Ihr kennt das. Bücher sind ja aber zum Lesen da und nicht zum Rumstehen und Staub fangen. Also schicke ich das Buch raus in die Welt, platziere es an einem frequentierten Ort und hoffe, dass jemand anders es findet, mitnimmt, liest und dann wieder irgendwo aussetzt. Dort findet es dann jemand anders und die Reise geht weiter.

 

Ich habe vor Jahren zwei mal Bookcrossing-Bücher gefunden, was mich sehr gefreut hat. Das eine war ein Briefwechsel zwischen Sartre und de Beauvoir, das andere ein Thriller über Mutantenratten in der Moskauer U-Bahn. Ich glaube, der Protagonist war Kreuzwortentwickler, ich habe aber auch nicht sehr weit gelesen. Ob andere sich auch so sehr über einen Fund freuen, weiß ich nicht, die Rückmeldequote zumindest gering., was ich sehr schade finde. Man muss damit leben können, dass man von seinen Schätzchen vielleicht nie mehr was hört, ihr Schicksal gänzlich ungewiss bleibt und sie möglicherweise schnöde von einer entnervten Reinigungskraft entsorgt werden. Die Betreiber selbst sagen, dass ca. 20-25% der ausgesetzten Bücher später wieder registriert werden. Bei mir ist die Quote ganz deutlich niedriger, kann ich mal sagen. Es gibt auf der Seite aber auch eine Übersicht, wo gerade frisch ausgesetzte Bücher unterwegs sind – und da ist Deutschland tatsächlich das Land mit den meisten frei herumlaufenden Büchern. Wer also gerade in Schatzsucherlaune ist, hat gar keine schlechten Chancen.

Also wie geht das jetzt? Erstmal braucht ihr ein Konto bei Bookcrossing. Zumindest zum Registrieren von Büchern, Funde eintragen geht auch so. Dann muss das Buch registriert werden. Dadurch bekommt es eine BC ID, die Bookcrossing-ID. Mit der kann die weitere Reise des Buches verfolgt werden. Mit der BC ID macht ihr einen Aufkleber. Die kann man runterladen und ausdrucken, fertig ausgedruckt bestellen oder auch selbst basteln. Ein Stück Papier und Tesa tun es natürlich auch. Der Aufkleber kommt auf’s Cover, damit das Buch sofort als Bookcrossing-Buch erkennbar ist. Man kann auch in das Buch noch eine Erklärung schreiben und nochmal an irgendeiner Stelle die BC ID vermerken, falls der Aufkleber mal unleserlich wird oder sich ablöst.

Und dann geht es raus in die Welt. Bücher können grundsätzlich überall ausgesetzt werden, in Besucherzentren, Hotellobbys, Zügen, Bussen, Museen, Kinos, Theatern, Schulen, Unis, Lieblingskneipen, Fitnessstudios… Wo immer man gerade ist. Bei Open Air-Aktionen empfiehlt es sich, das Buch in eine Gefriertüte oder durchsichtige Folie zu packen. Wer weiß, wie lange es warten muss. Weil die Wetterlage hier im hohen Nordern mehr als unbeständig ist, setze ich Bücher in der Regel gar nicht erst draußen aus. Außerdem meide ich in der Regel Orte wie Züge, bei denen am Ende des Tages eine Reinigungskolonne unter enormen Zeitdruck durchrast und für Kinkerlitzchen dieser Art weder Zeit noch Nerven hat. Auch Orte, an denen das Liegenlassen von Gegenständen für Nervosität sorgt, Flughäfen oder Bahnhöfe beispielsweise, lässt man vielleicht besser aus. Der Freilass-Ort wird online eingetragen und dann muss man warten. Manchmal sehr lange. Mit etwas Glück kommt irgendwann eine Mail, dass das Buch gefunden wurde und dann kann man zugucken, wie es weitergeht.

Manko des Projekts ist (neben der bedauerlich geringen Rückmeldequote) einzig die ziemlich in die Jahre gekommene Website. Es funktioniert alles, aber an einigen Stellen würde man sich komfortablere Wege wünschen. Völlig fantastisch wäre natürlich eine App, weil es schon sehr mühsam ist, die Bücher auf dem Smartphone einzutragen, wenn man gerade was ausgesetzt hat. Tatsächlich hat auch mal jemand eine App gemacht, die funktioniert aber nicht.

Vielleicht hat ja jetzt jemand Lust, auch mal was auszusetzen. Heute am Bookcrossing-Tag, übermorgen am Welttag des Buches, an irgendeinem anderen Tag. Spread the love!

Update 23.04.: wenigstens eines der Bücher hat es schon in die Nähe von Ingolstadt geschafft. Ich hätte ihm in der Zeit nicht mehr bieten können als eine Fahrt von Bremen West nach Ost und zurück.

18 Gedanken zu “Spread the Love – Ein Plädoyer (und eine Selbstmotivation) für mehr Bookcrossing

  1. soerenheim 21. April 2018 / 8:45

    Ich hatte mal die Idee, der hiesigen Bibliothek „Reinschreib-Bücher“ zu spenden… Bücher in denen explizit aufgefordert wird, Notizen zum Text hinzuzufügen… scheiterte an der Bereitschaft der Bibliothek, beschriftete Bücher aufzustellen… lang her… Anfang der Uni… vll probier ichs mal wieder.

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    • Marion 21. April 2018 / 9:03

      Ich find das eine gute Idee. Wahrscheinlich schwingt darin die Sorge mit, dass die LeserInnen Gefallen daran finden und dann in alle Bücher reinschreiben.
      In meiner Zeit an der Uni hab ich nur einmal ein Buch in der Bib gefunden, das offenbar nur mich interessiert hat und als Briefkasten für den Austausch verstörender Nachrichten gedient hat.

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      • soerenheim 21. April 2018 / 10:45

        Ich hatte mal (auch auf der Uni) ein Buch zu Goethes Diwan mit sich steigernden wütenden Kommentaren eines wohl recht religiösen Lesers… irgendwann stand am Rand dann einfach „Arschloch!“ 😀

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          • soerenheim 21. April 2018 / 22:11

            Also auf jeden Fall Mainz… irgend eins der literarischeren Institute, aber nicht Germanistik… viel mehr weiß ich nicht mehr, hatte unmengen Bücher für die HA & ist sicher 10 Jahre her…

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      • Eva Wißkirchen 21. April 2018 / 21:18

        Das würde ich ja auch gerne mal sehen… wo ich doch so ein Fan von fremden extravaganten Maginalien bin. Weißt Du noch, was für ein Buch das war und welches Bibliothek?

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        • Marion 21. April 2018 / 21:20

          Mainzer UB – ich schätze auch in Sörens Fall. Meins war ein Wörterbuch karibisches Englisch. Ich bin nicht mehr sicher, welches genau. Im großen Lesesaal ganz links auf jeden Fall 🙂

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        • soerenheim 22. April 2018 / 12:59

          Was extravagante Marginalien betrifft würdest du auch in meinem Bücherschrank fündig… zB eine Phänomenologie so von ca 2005/6, in der ich Hegel mit immer mehr Nachdruck versuche, seine diversen „Fehler“ zu erklären 😉 Leider selbst für mich schwer zu entziffern…

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  2. thursdaynext 21. April 2018 / 10:21

    Neue Bücher die nicht ins aus allen Nähten platzende heimische Regal kommen, spende ich der Stabi die mich gut versorgt. Der Rest geht an den kostenlosen Grabbeltisch im Edeka, oder an Menschen von denen ich glaube sie mögen dieses spezielle Buch. Bücher so lieblos auszusetzen kann ich mir für mich nicht vorstellen. 75 -80 % Schwund finde ich traurig.
    Im Urlaub habe ich irgendwo im Allgäu einen Bücherschrank auf offener Strasse entdeckt. Sah aus wie ein Kühlgerät aus dem Supermarkt. Auch ne schöne Sache. Die Chance auf diese Art andere Leser zu beglücken ist nen Ticken höher, aber es fehlt halt die Spannung.

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    • Marion 21. April 2018 / 12:46

      Den wirklichen Schwund schätze ich gar nicht so hoch ein. Ich glaube, dass ein Großteil der Bücher schon mitgenommen wird, aber eben nicht mehr registriert. Wenn ich die Bücher hier um die Ecke in den offenen Bücherschrank stelle, erfahre ich ja auch nicht, wie es weitergeht. Und auch der wird alle paar Wochen aufgeräumt und was zu lange steht, wird aussortiert – eine Garantie, dass mein Buch in gute Hände gerät, gibt es also auch da nicht. Auch Sozialkaufhäuser und ähnliches sortieren ja manchmal aus, was so gar keiner will. Aber Bücher aus größeren Aussortier-Aktionen landen meistens bei solchen Projekten. Bookcrossing wäre dafür viel zu viel Arbeit, das mach ich mehr aus Spaß an der Sache und nicht, um größere Stapel loszuwerden.

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  3. jongleurin 21. April 2018 / 10:27

    Ich mache es mir da gerne einfach – eine Kiste mit Büchern und dem Schild „zu verschenken“ vor das Haus, und zack! sind alle weg. Bei schlechtem Wetter nutze ich das Tauschregal ein paar Strassen weiter. Da fehlt natürlich die „dokumentarische“ Seite des Bookcrossing, aber das wäre mir auch einfach zu aufwendig…

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    • Marion 21. April 2018 / 12:48

      Bei größeren Mengen verfahre ich ähnlich. Bücherschrank, DRK oder was sonst gerade greifbar ist. Beim bookcrossing geht es mir mehr um den Spaß an der Sache als um wirkliches Aussortieren. Heute bin ich mit einer Tasche voller Bücher ziellos durch die Stadt spaziert, was ich ewig nicht mehr gemacht habe und habe bei bestem Wetter ein paar Ecken entdeckt, die ich noch gar nicht kannte. Und war sogar auf dem Dom – das nehme ich mir vor, seit ich hier wohne.

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