sag mal, fbm…

Zu den Eskalationen auf der Messe am Wochenende wurde schon viel und vielleicht sogar schon alles gesagt, aber ich will jetzt auch nochmal, weil ich so mega abgenervt bin. Ich weiß, dass die Messe für viele ein sehr positiver Ort der Begegnung und des Austauschs ist. Zumindest am Samstag war sie das aber nicht. Über die Tumulte selbst kann ich nicht viel sagen, ich war nicht da und weiß nicht, ob nun wirklich jemand ‚Sieg Heil‘ gerufen hat und wer wen zuerst angebrüllt hat. Ich war zu dieser Zeit auf Sizilien, bin in einer Lavahöhle rumgestolpert und in knöcheltiefe Fledermausscheiße getreten – der Frankfurter Buchmesse ist, spätestens mit ihrer Stellungnahme zu den Ausschreitungen, etwas ganz ähnliches passiert.

Die Frage, ob Verlage aus dem rechtsradikalen Spektrum auf der Buchmesse etwas zu suchen haben oder nicht, ist nun wirklich keine neue. Die Diskussion gibt es jedes Jahr und jedes Jahr sagt die Messe, Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut (Standgebühren auch), man habe keinen Grund Verlage nicht zuzulassen, die als Organisation nicht verboten sind, und deren Schriften auch bisher nicht indiziert wurden. Rechtlich ist das so sicher richtig. Moralisch und politisch beantwortet das nichts, aber Boos will die Messe ja auch als wirtschaftliche und nicht als politische Veranstaltung verstanden wissen.

Außerdem ist die Buchmesse immer sehr um den Austausch von Positionen bemüht, darum, dass man mal über alles reden kann. Gute Idee – wer jemals mit ExtremistInnen diskutiert hat, weiß wie super einfach und  bereichernd das ist. Auf der Messe sollte das Buch Mit Linken leben vorgestellt werden. Der Werbetext verspricht, dass das Buch unter anderem erklärt „weshalb Linke lügen und heucheln und warum man dumme Fragen lieber unbeantwortet läßt oder mit einer noch dümmeren Frage kontert“ [sic]. Wenn das kein ergebnisoffener Austausch auf Augenhöhe ist, dann weiß ich auch nicht.

Aber alle sollen ihre Meinung sagen, das ist der Messe wichtig. Problematisch wird es halt leider, wenn im Kielwasser des Verlags Menschen auf der Messe Einzug halten, die das mit der Meinungsfreiheit recht eigenwillig interpretieren. Unter den Rednern und Supportern des Antaios-Verlags waren am Wochenende eben auch Leute, die in der Vergangenheit (z.T. mehrfach) wegen Volksverhetzung und (gefährlicher) Körperverletzung verurteilt worden sind. Bei einigen davon darf man davon ausgehen, dass sie jetzt nicht so mega gerne lesen, dass sie in ihrer Freizeit immer mal auf die Buchmesse fahren um sich an der Vielfalt der deutschen Verlagslandschaft zu erfreuen und vielleicht Goodie-Bags abzustauben. Da geht es nicht mehr um Bücher, Verlage oder Verleger, da geht es um Präsenz und Provokation und um Einschüchterung. Und ab da fühlen sich Menschen auf der Messe bedroht, in ihrer eigenen Meinungsfreiheit eingeschränkt und sehen auch ihre körperliche Unversehrtheit gefährdet.

In der gemeinsamen Stellungnahme von Börsenverein und Frankfurter Buchmesse heißt es am Samstag „Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen. Wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen.“ Ja, das war dann schon irgendwie zu spät, was? Der Ärger war absehbar, das sagt auch Messe-Chef Boos im Interview mit der FAZ zwei Tage später. Eine Deeskalations-Strategie aber hatte man sich deshalb nicht gleich überlegt. Man kann ja erstmal gucken, was passiert, ein bisschen Ärger gibt es auf der Messe ja immer, hat zumindest Boos so beobachtet. Eine derartige Ignoranz gegenüber den Ängsten von BesucherInnen, die Inkaufnahme von Sachbeschädigungen und, viel schlimmer, Verletzungen, und das lapidare „both sides“ ist dem deutschen Buchhandel und der Frankfurter Buchmesse nicht würdig. Ein Veranstalter muss für Eskalationen dieser Art die Verantwortung übernehmen und Konsequenzen daraus ziehen und nicht irgendwas halbherziges über Meinungen und Austausch zusammentippen. Mir ist klar, dass auch Mitglieder des Börsenvereins einen Protest gegen rechte Verlage organisiert haben, die offizielle Message ist mit dieser Stellungnahme aber eine andere.

Am Morgen nach den Auseinandersetzungen bekam Margaret Atwood den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung für die Wahl der Jury heißt es, Atwood zeige „in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen“. Sagt mal, habt ihr eigentlich den Schuss nicht gehört?

Advertisements

17 Gedanken zu “sag mal, fbm…

  1. Sven 17. Oktober 2017 / 18:59

    Danke für diesen Kommentar. Es ist schlimm, dass diese intolleranten immer Tolleranz fordern. Wenn man, weil man sich für die Gleichberechtigung aller Menschen ausspricht als Links-Grün versifft, Gutmensch oder Schlimmeres beschimpft wird und die Leute die das tun sich mittlerweile so offen zeigen, rassistisch hetzen und sich erfolgreich in die Opferrolle bringen, dann tut das nur noch weh. Meinungsfreiheit ist gut, richtig und wichtig, aber die neuen Rechten wollen keine Meinungsfreiheit, die wollen, dass ihrer Meinung einfach nicht widersprochen wird.

    Gefällt 3 Personen

    • Marion 17. Oktober 2017 / 19:04

      Ich gebe dir in allen Punkten recht. In diesem Fall finde ich am schlimmsten, wie die Frankfurter Buchmesse sich benutzen lässt, in Teilen verarschen lässt, und nichts dagegen unternimmt. Ich gehe davon aus, dass Verlage wie Antaios auch in Zukunft mit Erlaubnis der Veranstalter Teil der Buchmesse sein werden und jetzt, da sie wissen, welch günstige Publicity sie da bekommen, die Bühne noch mehr bespielen werden. Da kommt man mit „Meinungsfreiheit“ und „keine Gewalt“ halt nicht weiter, da muss man dann mal den Arsch in der Hose haben, eine Meinung zu haben und zu äußern und Grenzen zu ziehen. Ich finde es traurig, dass viele BesucherInnen der Messe diesen Arsch haben und die Veranstalter selbst nicht.

      Gefällt 3 Personen

      • Sven 17. Oktober 2017 / 19:09

        Das Problem ist sicherlich auch, dass diese Verlage sich auf die Messe klagen könnten. Viele Veranstalter versuchen dem Problem aus dem Weg zu gehen, indem sie sie zwar zulassen, sie aber irgendwo plazieren, wo sie möglichst wenig Bühne haben. Warum das in Frankfurt nicht geklappt hat weiß ich nicht. Es stimmt aber auch, dass die Veranstalter nicht den Arsch in der Hose haben um bestimmte Aussteller einfach abzulehnen.

        Gefällt mir

        • Marion 17. Oktober 2017 / 19:24

          Bist du dir mit dem Einklagen sicher? Meines Wissens ist die Buchmesse eine rein privatwirtschaftliche Organisation, deren Veranstalter bei der Wahl der Aussteller völlig freie Hand haben – sofern die Aussteller selbst sich im gesetzlichen Rahmen bewegen natürlich.

          Gefällt 1 Person

          • Sven 17. Oktober 2017 / 21:59

            Ist zumindest eine Argumentation die ich bei einer anderen ähnlichen Veranstaltung schonmal gehört habe. Ob das auf Frankfurt zutrifft, weiß ich nicht genau.

            Gefällt mir

            • Marion 17. Oktober 2017 / 22:05

              Ah, okay. Ich hab mal geguckt – in den AGB steht, dass „keinerlei Zensur“ vorgenommen wird. Ob das nun aber auch die Annahme im Vorfeld oder nur die Ausstellung von Publikationen bei der Messe betrifft, weiß ich nicht. Und wie das im Einzelfall juristisch zu bewerten ist, erst recht nicht. Aber AGB lassen sich im Bedarfsfall ja schnell ändern, wie jeder facebook-User weiß 🙂

              Gefällt 1 Person

  2. thursdaynext 17. Oktober 2017 / 21:39

    Danke Marion für diesen Kommentar. In allen Punkten sehr bedenkens-, und bemerkenswert. Bloggerworte zum Thema „der Kaiser ist nackt“. Meinungsfreiheit für Menschen die ihre Meinung mit Gewalt und Provokation kundtun, andere abwerten, niedermachen und nicht fähig oder bereit zum Diskurs sind, ist in den Wind gepisst. (sorry) Es ist tatsächlich wieder soweit dass aufgeputschte Massen marodierend und grölend umherziehen und ihre demokratisch gewählten Volksvertreter in den Parlamenten sich in der Rolle des nichtkonstruktiven Störers und Schreihalses suhlen. Alimentiert von Steuergeldern. Eben jenen Geldern deren Ausgabe für aufbauende und humanistische Zwecke sie so heuchlerisch beschreien. Sie finden aber auch immer eine Bühne. Sei es von sensationsgeilen Medien, von wirtschaftlichen Interessen geleitet oder vom fehlender öffentlicher und gesellschaftlicher intensiver Auseinandersetzung mit ihrer Ausdrucksweise und Menschenverachtung. Daher ja, keine Toleranz den Intoleranten jeglicher Couleur! Shame. Deine Überlegungen waren die klarsten, deutlichsten und echtesten die ich zum Vorfall bisher gelesen habe und ich kann sie exakt so unterschreiben. Danke dafür.
    Vor etlicher Zeit habe ich mitbekommen, dass der Spiegel seine Bestsellerlisten zensiert. Zuerst war ich empört. Mittlerweile denke ich Zensur sollte, zumindest wenn Menschenrechte verletzt werden, beleidigt, gehetzt und infam fake news verbreitet werden doch stattfinden. Es gibt Studien, die belegen, dass wenn etwas permanent wiederholt wird, auch wenn es offensichtlich falsch ist sich dies dennoch einprägt und in eine krude „Tatsache “ umwandelt. Brainwash scheint zu funktionieren. Die Ergebnisse sind mittlerweile weltweit zu sehen. Trump ist das bitterste Beispiel.
    Dem muss sich die schweigende Mehrheit entgegenstellen. Laut
    Liebe Grüße
    Sandra.

    Gefällt 4 Personen

    • Marion 17. Oktober 2017 / 22:28

      Liebe Sandra,
      vielen Dank auch für deinen Kommentar, den ich auch so unterschreiben kann.
      Das „Bearbeiten“ der Spiegel-Bestsellerliste finde ich okay. Für viele ist das eben eher eine Empfehlungsliste und kein reines Ranking von Verkaufszahlen. Da ein Buch rauszunehmen, das man nun wirklich nicht empfehlen möchte, finde ich vertretbar. Als ich noch im Buchhandel war, hatten wir nie alle Titel der Bestsellerliste da, gerade beim Sachbuch. Zum Teil, weil wir einfach nicht das Publikum hatten, zum Teil aus Überzeugung. Wenn Kunden ein Buch aber wollten, haben wir es bestellt, unabhängig von unseren Ansichten. Mit einer Ausnahme – das erste Buch von Pirincci, das bei manuscriptum erschienen ist, konnte ich nicht bestellen, weil der Verlagsmitarbeiter wortlos auflegte, als ich mich als Buchhandlung meldete. Zugegeben – es war mir eine hämische Freude, zumal der kaufwillige Kunde es mitbekommen hatte und angesichts so viel gesammelter Professionalität dann doch Abstand genommen hat.
      Lange Rede kurzer Sinn – das meiste, was die glühenden Vertreter von Meinungsfreiheit als „Zensur“ niederbrüllen, ist schlicht keine. Wenn meine Buchhandlung ein Buch nicht hat und mir auch nicht bestellt, kaufe ich es im Onlinehandel, oder, wenn es nun wirklich was völlig obskures ist, beim Verlag direkt. Das ist keine Zensur, sondern eine Sortimentsentscheidung der Buchhandlung bzw. eine Vertriebsentscheidung des Verlags. Kriegt euch mal ein. Und, wie wir ja schon festgestellt haben, sind die, die heute am lautesten nach Meinungsfreiheit schreien, die ersten, die sie abschaffen, wenn man ihnen die Chance gibt.
      Liebe Grüße,
      Marion

      Gefällt 3 Personen

  3. nettebuecherkiste 18. Oktober 2017 / 10:49

    Ich war zwar da, aber abseits von Halle 4.2., und habe daher nichts mitbekommen. Es ist jedenfalls zum K…. Die Stellungnahme der Messeleitung fand ich regelrecht trumpesk. Ich hoffe noch, dass der Shitstorm groß genug ist, um eine Änderung der Messepolitik zu bewirken.

    Gefällt 2 Personen

    • Marion 18. Oktober 2017 / 12:02

      Ich hoffe mit dir. Aber bei der bisher zur Schau gestellten Ignoranz halte ich meine Erwartungen mal niedrig.

      Gefällt 1 Person

  4. thehateyougive 18. Oktober 2017 / 14:10

    Ich finde auch dieses ganze „ABER DER DIALOG“ Geschreie so dämlich.
    Leute wie Götz Kubitschek haben neben der Verbreitung ihrer Ideologie halt einfach auch ein ganz wirtschaftliches Interesse daran, dass Leute ihre Rotze kaufen und das für die Wahrheit halten. Ich möchte mal den Dialogansatz hören, der das toppt. Dialog klappt, wenn überhaupt, nur mit den Konsumenten und ich zweifle stark daran, dass die Messe dafür der richtige Ort ist.

    Gefällt 1 Person

  5. dj7o9 19. Oktober 2017 / 9:15

    Danke für die großartigen Kommentar. Du sprichst mir aus der Seele nur viel schöner formulierend.

    Gefällt 2 Personen

  6. Tobias Illing 20. Oktober 2017 / 18:12

    Dem, liebe Marion, ist kaum etwas hinzuzufügen.

    Zu einem funktionierenden Dialog gehören immer zwei Seiten, die an einem Dialog interessiert sein müssen. Das ist bei Extremisten, insbesondere der extremen Rechten, evident nicht der Fall. Für die ist die Messe, wie du richtig schreibst, lediglich eine (weitere) Plattform, um sich zu präsentieren und mit gezielter, dumpfer Provokation Öffentlichkeit zu generieren. Die Saat ist leider wieder einmal sehr erfolgreich aufgegangen.

    Für die Zukunft kann man der FBM nur die Lektüre von Karl Popper ans Herz legen.

    Gefällt 1 Person

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s