Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Das Buch der Unruhe, so steht es auf dem Cover, ist „Ein Jahrhundertbuch“. Ich musste es trotzdem kurz vor Ende, auf Seite 471 von 556 abbrechen, es ging einfach nicht mehr. Nach dem Ende des eigentlichen Texts gibt es in der Fischer-Ausgabe noch weitere Texte und Briefe, die Pessoa ursprünglich möglicherweise in diesem Buch verarbeiten wollte, dann aber Abstand davon genommen hat. Dann können sie nicht so wichtig sein, habe ich beschlossen.

„Ich habe wahre Tränen vergossen über diesem Roman, weil ich nicht in jener Zeit gelebt habe, mit jenen Menschen, wirklichen Menschen.“

Das Manuskript zu diesem Buch, so erzählt es Pessoa in der Einleitung, wurde ihm übergeben von Bernardo Soares, einem Hilfsbuchhalter im Lissabon der 1930er. Es ist eine Art Tagebuch dieses Mannes, der ein einfaches und zurückgezogenes Leben führt und vor allem, so zumindest meine Empfindung, ein gänzlich trostloses.

Pessoa_DasBuchderUnruhe

Soares verreist nicht, denn er findet, was man nicht zu Hause in seiner Seele finde könne, fände man auch nicht an anderen Orten. Er liebt nicht, weil er findet, dass jeder Zauber bei der ersten Berührung verfliegt. Über irgendwelche Vergnügungen ist in seinem Tagebuch wenig zu finden, außer der seltenen Erwähnung von Fahrten nach Sintra und Estoril. Von Freunden berichtet er nicht, nur von gelegentlichen angenehmen Unterhaltungen mit Kollegen. Sein einziger Lebensinhalt scheint das Kassenbuch zu sein, dass er akurat und tadellos führt. Die Wohnung wechselt er häufig, immer sind es einfache Zimmer in denen er lebt.

Der eigentliche Inhalt des Buchs sind dann auch Soares Betrachtungen und Überlegungen, die wohl mit denen Pessoas gleichzusetzen sein dürften. Er flaniert gelegentlich durch Lissabon, betrachtet das Treiben in den Straßen und die Menschen. Die Gedanken, die er sich dabei und darüber macht, sind mitunter wirklich interessant, vor allem aber sind sie wahnsinnig präzise formuliert. Nahezu jeden Satz aus dem Buch könnte man in eine Zitatesammlung übernehmen. Pessoa über Literatur, Pessoa über die Liebe, Pessoa über die Sprache… eine ganze Bibliothek von Pessoa-Geschenkbüchern ließe sich nur aus diesem einen Buch machen. Das klingt bösartiger als es gemeint ist, schreiben konnte Pessoa nun eben. Ich mag halt lieber Bücher, in denen auch mal was passiert und nicht nur immer jemand am Fenster steht und findet, er selbst sei irgendwie überlegter und reflektierter und vielen Menschen überlegen.

Die Weltabgewandtheit des Hilfsbuchhalters ist schon enorm. Soares lebt in seiner Welt der Literatur und Kunst und würde lieber mit den Mitgliedern der Pickwick Society (s.o.) leben als mit seinen tatsächlichen Zeitgenossen. Der letzte datierte Eintrag im Tagebuch stammt aus dem Juli 1934, vom Zweiten Weltkrieg aber ist im Leben Soares nichts zu spüren. Es interessiert ihn auch nicht, denn er genügt sich selbst und bedauert Menschen, die ihr Leben an Ideale verschwenden, denn „[a]lle Ideale und alles Machtstreben sind nichts als weibliche Männerphantasien“ (429). Überhaupt kommen Frauen bei ihm nicht besonders gut weg, sind aber interessanterweise mehr ihrem sexuellen Begehren unterworfen als Männer, die dem immerhin mit Rationalität entgegentreten können. Das Vaterland hingegen gilt ihm alles und er bewundert den Soldaten, der für sein Vaterland ganz selbstverständlich stirbt so „wie die Sonne alle Tage aufgeht“ (456). Pessoa selbst betrachtete sich als Nationalmystiker und das springt besonders im Anhang aus jeder zweiten Zeile. Allein deshalb konnte ich schon nicht weiterlesen, weil mir jeder Absatz das Buch ein bisschen mehr ruiniert hat.

Der Rest des Textes ist wie gesagt recht handlungsarm und konzentriert sich auf philosophische, theologische und moralische Kontemplation, einiges davon wiederholt sich in Variationen. Dazwischen kommen ein paar hübschen Ansichten von Lissabon. Diese Liebe zu Lissabon, die aus manchen Passagen spricht, hat im wesentlichen auch dafür gesorgt, dass ich mit dem Buch überhaupt irgendwas anfangen konnte. Wenn ich jetzt einzelne Passagen nochmal überfliege, erinnere ich mich meistens schon nicht mehr, das schon mal gelesen zu haben.

Veröffentlicht wurde das Buch erst posthum unter dem Titel Livro do Desassossego. Pessoa starb 1935 im Alter von nur 47 Jahren und hinterließ Das Buch der Unruhe als nicht endgültig editiertes Manuskript, zusammen mit mehr als 30.000 weiteren Manuskriptseiten. Es gibt deshalb auch unterschiedliche Editionen, die einige Texte auslassen oder unterschiedlich anordnen.

Im Frühjahr wird ein weiterer Roman Pessoas, Boca do Inferno, im Taschenbuch bei Fischer erscheinen. Dann gebe ich dem ganzen nochmal eine Chance, dieses mal mit anständiger Handlung, vermutlich aber bedeutend mehr Mystik. Es geht nämlich um Aleister Crowley, der 1930 mit Pessoas Hilfe seinen Selbstmord vortäuschte.

Lissabon.JPG
Bonusmaterial: Ein verschwommenes Bild der Bloggerin am Ort der Handlung.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Übersetzt von Ines Kobel, herausgegeben von Richard Zenith. Fischer 2015 (EA 2006). 573 Seiten, € 12,95. Erstausgabe dieser Fassung Ammann 2003. Erstmals posthum 1982 unter dem Titel Livro do Desassossego veröffentlicht.

Das Zitat stammt von S. 198 der oben genannten Ausgabe. Die Karte, über die Pessoa spaziert, stammt aus dem Reiseführer CityTrip Plus Lissabon, erschienen 2015 bei Reise Know-How.

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7 Gedanken zu “Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

  1. gmeder 3. Januar 2017 / 13:26

    Ja, so kann man Pessoa lesen – es ist immer anstrengend. Interessant ist es aber auch immer und mitunter steht man ratlos vor mancher präzisen Formulierung.

    Ich stimme jedoch nicht überein mit Deinem Satz:
    „…Soares Betrachtungen und Überlegungen, die wohl mit denen Pessoas gleichzusetzen sein dürften“

    Für mich zeigt sich in den vielen Heteronomen (Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und Bernardo Soares wäre sicherlich ein weiteres geworden, hätte er sich zur Veröffentlichung entschlossen), unten denen Pessoa schrieb, seine Zerrissenheit, ja auch Unentschlossenheit oder vielleicht auch Experimentierfreude mit Gedanken und deren konsequenter Fortführung.
    So sind es zwar auch seine Gedanken, jedoch auch immer die Gedanken seiner Schöpfung, die in dessen Gedankenwelt sinnvoll sind. Nicht notwendigerweise auch in Pessoa Welt.

    Gerade das Buch der Unruhe – unveröffentlicht, unvollendet durch den Autor – zeigt ja, dass Pessoa noch nicht ganz durch war mit seinem Thema, dass alles noch Bruchstückhaft war und die Welt des Bernardo Soares noch unvollständig (vielleicht auch nie vollendet worden wäre).

    Posthume Veröffentlichung sind insofern immer problematisch und sollte nicht oder nur sehr eingeschränkt der Beurteilung eines Autors dienen.

    Gefällt 3 Personen

    • Marion 3. Januar 2017 / 20:10

      Lieber Gregor,
      ich danke dir für deinen hilf- und aufschlussreichen Kommentar.
      Und ich gebe dir recht – die von dir kritisierte Stelle ist zumindest unpräzise und nicht stichhaltig formuliert.
      Tatsächlich habe ich zumindest bei diesem Buch keinen Zugang zu Pessoa gefunden und gestehe ein, dass meine Meinung dazu zumindest an einigen Stellen polemisch wird. Nach dem, was ich über Pessoa gelesen habe, hatte ich allerdings den Eindruck, dass ihm Soares Gedanken- und Gefühlswelt nicht fremd ist. Damit ist sie aber noch nicht gleichzusetzen, das stimmt.
      Auch bei den Formulierungen gebe ich dir recht. Ich mochte seinen Stil sehr und hoffe, in einer anderen „Person“ mehr Zugang zu diesem Schriftsteller zu finden. Einen Versuch werde ich auf jeden Fall starten.

      Gefällt 1 Person

  2. textstaub 3. Januar 2017 / 21:04

    Als Poet / Dichter sehe ich in seinen Texten mehr als eine Welt.
    Ein Meer von Denkwolken und Fludergedanken.
    Ein Wegstein & Denkbilderformer in sehr seltener Form.
    Ein Poet & so genieße ich seine Wortbilder.

    Gefällt 2 Personen

  3. literaturreich 3. Januar 2017 / 22:10

    Bei mir war es tatsächlich auch die liebe zu Lissabon, die mich dieses Buch kaufen ließen. Ich war in den 80 er Jahren mehrmals da und in diese Zeit fällt auch die Anschaffung. Ich bin aber tatsächlich schon zweimal in beträchtlichen zeitlichem Abstand an diesem Werk gescheitert. Unter anderem auch wegen der von dir angesprochenen Punkte. Trotzdem, ich bewahre es auf, vielleicht kommt auch bei mir mal seine Zeit.

    Gefällt 3 Personen

  4. Stephanie Jaeckel 5. Januar 2017 / 10:42

    Danke für die Besprechung. Das Buch habe ich vor Urzeiten gelesen, es war mir sehr wichtig und jetzt erinnere ich mich wieder, warum! Ansonsten: Ultra-coole Sonnenbrille!!!

    Gefällt 1 Person

    • Marion 5. Januar 2017 / 12:40

      🙂 Vielen Dank! Sonnenbrillen und ich sind so ein Thema – eigentlich gehen wirklich nur die ganz überdimensionierten…

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  5. Bri 5. Januar 2017 / 11:12

    Liebe Marion, ach bin ich froh, dass es nicht nur mir so ging – ich habe das Buch der Unruhe, dessen Verlauf Du so schön treffend als später „recht handlungsarm“ beschreibst, bisher auch nie ganz durchgelesen. Auch ich werde es immer wieder versuchen, nicht von Anfang an, sondern eher in Etappen …Das Bonusmaterial ist klasse 😉 LG, Bri

    Gefällt 1 Person

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