Fiktives Standard-Haus

Ich möchte mal folgende Frage in die Runde werfen: Habt ihr ein generisches „Standard-Haus“, in das ihr Romanfamilien einziehen lasst, wenn die AutorInnen keine genauen Beschreibungen liefern? Ich habe das nämlich und dachte, dass es bei allen so funktioniert, bis ich im Gespräch vor kurzem erfahren habe, dass dem nicht so ist. Nicht alle Menschen haben offenbar einen Häuser-Fundus im Hinterkopf. Natürlich gibt es nicht nur ein einziges Haus, es muss ja auch ein bisschen zu den Umständen passen und wenigstens ein bisschen Info kriegt man ja meistens vom Text.

So gibt es beispielsweise die Modelle „Suburbia 1-3“, die ich für alle Romane verwende, die in US-amerikanischen Vororten spielen. Eines davon ist das Haus der Huxtables, dort leben unter anderem Familie Stephanides (Middlesex) und Mazies Schwester in Saint Mazie. In einer eingeschossigen Version leben dort auch Ifemelus Eltern in Americanah. Ihre Tante lebt in Modell „Sandra.2“, einer leicht vergrößerten Version des Elternhauses einer langjährigen Freundin.

Weitere Suburbia-Modelle sind das Haus aus „ALF“ und ein generisches Modell mit großem Flur und rechts anschließendem Wohnzimmer, das für ungefähr alles andere herhalten muss (Revolutionary Road, The Corrections…). Wenn man das ganze einfach ein bisschen zusammenstaucht, kann es auch ein englisches Reihenhaus sein (Dylan Mint).

grundriss
Rekonstruktion der ersten Etage des Petit Luxembourg.

Gerne nehme ich auch das Haus meiner Grundschulfreundin Daniela. Modell „Daniela“ hat zwei Etagen, einen L-förmigen Flur, an dessen langem Ende die Küche liegt, am kürzeren Ende Wohn- und Elternschlafzimmer.  Das Wohnzimmer ist sowohl vom Flur als auch von der Küche aus betretbar. Dort lebt jede deutsche Kleinfamilie, aber auch einige alleinerziehende Mütter und wenn man die Küche ein paar Wochen nicht putzt und ein abgeranztes Sofa ins Wohnzimmer schmeißt, ist auch Platz für die Cusacks (The Glorious Heresies).

Das Modell „Romi“ wurde von einer Freundin meiner Mutter bewohnt, jetzt aber von allen Familien, die nicht in Suburbia leben und denen es in „Daniela“ nicht gefallen hat. Küche zur Straße, zwei Etagen, Garten hinterm Haus, Panoramafenster. Größere Menschengruppen, etwa in The Year of the Runaways leben in Modell „Jana“, das hat drei Etagen. Und so weiter und so fort – wenn die Eltern meiner Grundschulfreundinnen wüssten, wer jetzt alles durch ihre Zimmer geistert!

„Ferienbungalow“ ist ein internationales Modell. Dort kommen sowohl Helen Gliese in Marokko (Sand) unter als auch Lady Oracle im gleichnamigen Roman in Italien. Das Gebäude könnte aber in jedem Land der Welt stehen. Das einräumige Appartement ist mein erstes WG-Zimmer, in dem ich nur wenige Monate gelebt habe. Aber immerhin mit eigenem Balkon!

Alle anderen Wohnungen, in denen ich gelebt habe, sind raus. Noch nie hat ein Roman in meinem Elternhaus gespielt oder in einer meiner eigenen Wohnungen. Ich entscheide tatsächlich auch nicht bewusst, welches Haus ich nehme und kann auch nicht sagen, an welchen Kriterien es hängt. Ich entscheide das sehr spontan und wenn sich später rausstellt, dass das Haus gänzlich ungeeignet ist, ist es mir nahezu unmöglich, mein mentales Bild zu korrigieren. ‚Oh Gott David, die Tür neben der Treppe ist die Gästetoilette und nicht dein Zimmer! Komm da wieder raus. Ihr hättet früher sagen müssen, dass ihr den Raum anders nutzen wollt!‘ Oft merke ich auch gar nicht sofort, welches Haus ich als Grundlage nehme und muss ich mich wirklich konzentrieren, um noch herausfinden zu können, welcher Grundriss das eigentlich ist.

„Herrenhaus“ (Modell 1 mit Bibliothek, Modell 2 ohne) ist mir mittlerweile so präsent, dass ich wirklich schwören könnte, mal da gewesen zu sein. Ich glaube, das dunkle Holz rechts neben der Eingangstür mal angefasst zu haben und ich weiß, wie es da riecht. Ich weiß, wie die ausgetretenen Stufen vor der Eingangstür aussehen. Aber mir fällt um nichts in der Welt ein, wo dieses Haus stehen sollte. Außer in jedem zweiten Christie-Roman.

Aber wie soll es denn auch sonst funktionieren? Irgendwo müssen die Leute doch wohnen! Anscheinend nicht. Anscheinend können Menschen ohne diese fiktiven Default-Häuser lesen. Eine keinesfalls repräsentative Umfrage unter weniger als zehn Leuten hat bisher ergeben, dass Männer tendenziell weniger Häuser brauchen als Frauen. Nun weigere ich mich aber ja, an diesen „Männer denken so anders als Frauen“-Kram zu glauben. Also: wie ist das bei euch? Fiktive Häuser oder nicht?

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14 Gedanken zu “Fiktives Standard-Haus

  1. literaturreich 25. November 2016 / 21:38

    Also: Ich bin eine LeserIN mit zumindest früher ausgeprägtem Architekurfaible. Schon als Kind war ich ständig am Grundrisse-Zeichnen.
    ABER: noch nie, ich glaube wirklich noch nie habe ich, wenn der Autor mir diese nicht hinmalte, für meine Romanfiguren Häuser oder Wohnungen fantasiert. Welch Versäumnis! Wenn ich das so bei dir lese, werde ich wohl keinen (zumindest amerikanischen) Roman mehr lesen können, ohne dass eines deiner Häusermodelle in meinem Kopf herumspuken wird.

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    • Marion 26. November 2016 / 8:21

      😀 Na dann herzlich willkommen in Suburbia 2!
      Ich hab als Kind auch dauernd Grundrisse gemalt und mit meinem Puppenhaus nie was anderes gespielt als „umziehen“. Und ich glaube, dass ich auch als Kind schon zumindest ein paar dieser Häuser im Kopf hatte. Ich hab zumindest noch ein grobe Erinnerung, wie das Haus von Bille in „Bille und Zottel aussah“.

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  2. tination8 25. November 2016 / 22:45

    Ui, da hast du mich aber erwischt!!! Eigentlich habe ich noch nie wirklich darüber nachgedacht. Aber in der Tat habe ich ein amerikanisches Standardhaus, was ich in so einigen Romanen benutzt habe. Manchmal auch spiegelverkehrt, da es auf der anderen Straßenseite stand. Ja, ich habe auch Standard-Straßenzüge, einen Hoteleingang und Hotelzimmer.

    Und das mit den Wohnungen anderer kenne ich zu gut 😉 Aber das eigene Viertel und Haus kommen absolut nicht in Frage.

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    • Marion 26. November 2016 / 8:28

      Stimmt, so ein paar Straßenzüge habe ich auch abrufbereit, ebenso wie einen Hoteleingang nebst Empfang und Lobby. Auch da bleibt der Grundriss bzw. Aufbau immer gleich, ich variiere nur die Einrichtung nach Situation.
      Drüber nachgedacht habe ich auch nie groß, weil ja klar war, dass das so ist. Bis mein Freund sagte „welches fiktive Standardhaus denn?!“ und ich auf den Trichter kam, dass manche Menschen da eine völlig andere Herangehensweise haben.

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  3. thursdaynext 25. November 2016 / 23:28

    Faszinierend *g* , ich bin eine Frau und habe kein Modell Haus, noch nie gehabt im Hinterkopf. Tatsächlich statte ich die Kopfhäuser nur mit dem aus was mir der Autor bietet. Sozusagen sparsam möbliert im Oberstübchen, wie ich gerade festgestellt habe 😉 Tabu wäre in jedem Fall das eigene Haus oder ehemalige Wohnungen/WG Zimmer. Bei Landschaften hingegen neige ich je nach Terrain zum Ausschmücken nach guter Anregung auch zu olfaktorischer Ausschmückung.
    Klasse Idee die da hattest. Spannend, harre gebannt weiterer Antworten.

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    • Marion 26. November 2016 / 8:32

      Das ist ja spannend! Ich bin total schlecht mit Landschaften. Da kann der Autor sich ins Zeug legen wie er will, Landschaften sehen bei mir immer aus, als hätte ein achtjähriges Kind sie um die Märklin-Bahn geklebt. Da stehen drei Seiten Alpenpanorama im Buch mit schneebedeckten Gipfeln, tiefen Schluchten und zerklüfteten Hängen und alles, was bei mir ankommt ist „Berge. Grün. Grau. Schnee. Möglicherweise Pflanzen“.

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      • thursdaynext 26. November 2016 / 9:48

        Da arbeitest du ähnlich wie viele Autoren

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          • thursdaynext 26. November 2016 / 14:13

            Nur wenige haben ein Händchen dafür die Landschaft auch mit Fauna und Flora namentlich auszustatten und Gerüche werden echt vernachlässigt.

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            • Marion 26. November 2016 / 16:41

              Ich lese auch nur selten wirklich gelungene Landschaftsbeschreibungen. Allerdings lese ich, wenn ich so drüber nachdenke, ohnehin selten Romane, in denen entsprechende Beschreibungen angebracht wären.

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  4. Leseseiten 26. November 2016 / 10:20

    Ich mach es mal kurz: Männlich; keine wiederkehrenden Vorstellungshäuser; immer Neubau für jedes Buch (ist wahrscheinlich anstrengender…); Ähnlichkeiten mit real existierenden Anlagen nicht auszuschliessen – jedoch ungewollt; genutzt wird der Text, wobei ich auch mal abweiche (man hat ja seinen eigenen Geschmack!).
    Aber herzlichen Dank für diese Offenbarung. Ich wäre nie darauf gekommen, dass man sich auf diese Art die Räume vorstellt. Übrigens behalte ich die selbst geschaffenen Bilder oft länger im Kopf als Teile des Inhalts…

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  5. nettebuecherkiste 26. November 2016 / 12:59

    Ist ja interessant, ich wiederum wusste nicht, dass es Leser gibt, die solche Häuser im Kopf haben 😉 Daraus folgt: Nein, ich habe keine solchen Häuser.

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    • Marion 26. November 2016 / 16:59

      Langsam gerät die pro-Häuser-Fraktion hier echt ins Hintertreffen. Das hätte ich nie gedacht!

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