Schusterjungen und Hurenkinder

Wer sich irgendwann mal mit der Herstellung von Büchern auseinandergesetzt hat, wird recht früh über Schusterjungen und Hurenkinder gestolpert sein, weil alle diese Begriffe total witzig finden. Ich konnte nicht gesichert herausfinden, woher sie kommen, kann aber wenigstens sagen, was sie bedeuten.

„Schusterjunge“ bezeichnet die erste Zeile eines Absatzes, wenn diese auch zugleich die letzte Zeile einer Seite ist. Man muss also erst umblättern oder doch wenigstens die Seite wechseln, um in den Genuss des restlichen Absatzes zu kommen. Ein „Hurenkind“ ist die letzte Zeile eines Absatzes, wenn diese auch die erste Zeile einer neuen Seite ist. Man blättert um in Erwartung großer Worte und findet nur noch eine mickrige Zeile. „Ein Schusterjunge weiß nicht, wo er hingeht, ein Hurenkind nicht, wo es herkommt.“

Man findet das recht selten. Menschen, die in der Herstellung arbeiten, achten da offenbar drauf und auch wenn mein Herstellungs-Wissen sehr begrenzt ist, glaube ich sagen zu können, dass das Setzen einer Seite in den letzten Jahren technisch deutlich einfacher geworden ist.

Ein Buch aber besitze ich, bei dem die Herstellungsleitung offenbar geschlossen zu Tisch war, als es um die Abnahme ging. Es ist Mort von Terry Pratchett, erschienen bei Corgi Books, „set in 11/12 pt Mallard by Colset Private Limited, Singapore“, nach allem was ich rausfinden konnte im 7. Nachdruck von 1994. Das sieht aus, als hätte man einen Text von Projekt Gutenberg in ein Word-Dokument kopiert und auf „drucken“ geklickt. In diesem Wirrwarr aus Zeilen, die einfach irgendwo sind, hat man es wirklich geschafft, ein Meta-Hurenkind zu erschaffen, ein Hurenkind, das selbst erklärt, was sein Problem ist.

Auf S. 229 fordert Albert, eine der Figuren aus dem Roman, die Durchführung eines uralten Rituals ein: „‚But first,‘ said Albert, lowering his voice, ‚you’ll oblige me by setting up the Rite of AshkEnte.'“ Sicher geht es sehr spannend weiter, denkt man sich und blättert um.

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Punkt. Das wars. Szenenwechsel. Bei jedem anderen Buch, besonders von Pratchett, wäre ich von Absicht ausgegangen, nicht aber bei Colset Private Limited, Singapore. Das macht es aber nur noch schöner, das bezaubernde Meta-Hurenkind. Sollte ich jemals wichtige Drucksachen haben, geht der Auftrag an diese Firma.

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2 Gedanken zu “Schusterjungen und Hurenkinder

  1. Karoline 1. April 2016 / 17:34

    Nicht zu vergessen die Zwiebelfische, die entgegen meiner Erwartungen auch bei Büchern, die am Computer gesetzt wurden, vorhanden sind ^^

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    • Marion 1. April 2016 / 19:48

      Oh, ich glaube einen Zwiebelfisch hab ich in einem gedruckten Buch tatsächlich noch nicht gefunden. Nur ein eBook hatte ich mal, das war voll davon.

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