Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

irrenhausNellie Bly war eine spannende Frau. Im späten 19. Jahrhundert arbeitete sie für Pulitzers New York World als investigative Journalistin. Damit war sie keine Einzelerscheinung, mehrere Frauen arbeiteten als sogenannte „Stunt Girls“ für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihr Job war es, sich beispielsweise in Fabriken oder Armenhäuser einzuschleichen und über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen dort zu berichten – frühes wallraffing. Nellie Bly war eine der bekanntesten und eine der wenigen, die nicht unter Sammel-Pseudonym arbeiteten. Einer ihrer ersten Aufträge war die Reportage Zehn Tage im Irrenhaus.

Blys Plan war, erst zu Hause das Benehmen einer Irren zu üben, anschließend eine Nacht in einer Pension zu verbringen, dort völlig auszurasten und sich anschließend in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Hat funktioniert. Sie wird in die Irrenanstalt für Frauen auf Blackwell’s Island gebracht und stellt schnell fest, dass es recht einfach ist, dorthin zu gelangen, aber eigentlich unmöglich, von dort wieder wegzukommen. Viele der Frauen, die dort aus völlig nichtigen Gründen einsitzen, sehen keinerlei Chance mehr, diesen Ort lebend zu verlassen. Für viele ist es das Ende eines grausamen Weges, eingewiesen von Ehemännern, denen eine Scheidung zu kompliziert gewesen wäre oder Familien, die sich nicht mehr um die alte Tante kümmern wollen.

nblyDie Zustände, die in Einrichtungen wie diesen zu dieser Zeit geherrscht haben, waren grauenhaft. In der deutschen Übersetzung hat der Übersetzer und Herausgeber einiges mit ergänzenden Fußnoten versehen, was einen kleinen Einblick in dieses dunkle Kapitel der Geschichte der Psychiatrie ermöglicht. Und der ist nicht schön. Nellie Bly beschreibt dies auch sehr packend, jammert mitunter aber über Problemchen, die im Vergleich zum Leid der anderen Patientinnen sehr kleinlich erscheinen. In Anbetracht der Tatsache, dass ihr Experiment zeitlich klar begrenzt ist, scheint es verkraftbar zu sein, dass man ihr die Haarnadeln abnimmt, sie sich weniger häufig kämmen kann, als sie es gewohnt ist, und das Essen sehr wenig Salz hat. Oft hat man den Eindruck, dass es weniger um die Darstellung der Zustände auf Blackwell’s Island geht, als um die Darstellung Nellie Blys, die diese Zustände so gut erträgt und dabei noch so wahsninnig nett zu den anderen Insassinnen ist.

Meine Antipathien Frau Bly gegenüber mal rausgenommen ist das aber eine spannende Reportage, auch der Herausgeber hat durch seine Erklärungen einiges dazu beigetragen. Als frühe Form des investigativen Journalismus ist die Reportage ebenfalls sehr interessant, außerdem gibt es, trotz aller Jammerei, Bonuspunkte für Draufgängertum.


Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. AvivA 2014. € 15,90, 192 Seiten. Übersetzt und herausgegeben von Martin Wagner. Originalausgabe: Ten Days in a Mad-House. Ian L. Munro 1887.

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